Crowdfunding trifft Social Lending - Wie sich die Welt auch ohne die Banken im Netz weiter dreht
Dienstag, 31. Mai 2011Gastbeitrag von Lothar Lochmaier * zur Artikelserie zum Thema Crowdfunding
Was ist Crowdfunding? Als Kapitalgeber fungiert die „Crowd“, die anonyme Masse der Internetnutzer. Eine Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Masse fremdfinanziert sein muss, bevor die Aktion startet. Im Verhältnis zur Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Masse (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil.
Eine internetbasierte Plattform bzw. ein IT-Dienstleister fungiert dabei als Mittelsmann gegen eine Vermittlungsprovision. Es funktioniert also so ähnlich wie das Social Lending, wenngleich es auch fundamentale Besonderheiten und Unterschiede gibt.
In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Crowdfunding durch Projekte mit populären Künstlern wie der Band Public Enemy, die ihr neues Album durch Fans mitfinanzieren ließ. Werbewirksam Furore machte im Juni 2010 auch das Projekt Diaspora. Vier Studenten benötigten für die Entwicklung einer neuen Internetplattform rund 10.000 US-Dollar.
Die Plattform Diaspora sollte dabei als anwenderfreundliche Alternative zum sozialen Netzwerk Facebook aufgebaut werden, insbesondere durch mehr Datenschutz und eine dezentrale Speicherung der Nutzerdaten direkt auf dem Rechner des Anwenders. Mehr als 200.000 US-Dollar kamen zusammen. Unter den Spendern befand sich auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.
Machen wir den aktuellen Trend an einem praktischen Beispiel fest: Die in Szenekreisen bekannte New Yorker Futuristin Venessa Miemis warb bei der weltweit führenden Plattform Kickstarter.com um Unterstützung für ihr Vorhaben. Über ein professionelles Video-Testimonial präsentierte sie es als The Future of Facebook Project (http://www.kickstarter.com/projects/1125835313/the-future-of-facebook-project .
Laut Projektbeschreibung sollen Experten und andere Interessierte die nicht nur geschäftlichen Zukunftsperspektiven des sozialen Netzwerks Facebook ausloten. Das Spendenziel lag bei 5.000 US-Dollar. Binnen weniger Wochen kam jedoch deutlich mehr Geld zusammen. Dies zeigt, innovative Projekte haben gerade mit Blick auf die IT-Branche ihren Charme.
Im Klartext: Der Markt für Social Sponsoring und Fundraising verändert sich dynamisch. Neue Internetportale zur Unternehmensfinanzierung übernehmen eine wichtige Zusatzrolle im Aktiv- und Passivgeschäft von traditionellen Geldhäusern und Kreditvermittlern.
Aus Sicht der Personalchefs und Manager bringt dieser Trend so einige Herausforderungen mit sich. Crowdfunding birgt neben Risiken auch neue Chancen, wenn Mitarbeiter etwa darüber nachdenken, über das Netz nach Unterstützern für neue Produktentwicklungen zu fahnden. Neue und bislang als exotisch angesehene Finanzierungswege gewinnen an Boden, bei denen eine größere Masse an Interessierten durch kleinere Beträge den Initiatoren frischen Schwung verleiht.
Der Reiz: Die anonyme Masse begutachtet ein vorgeschlagenes Projekt direkt im Netz und unterstützt es mit einer Spende oder einem Darlehen. Der weltweit populärste Vertreter ist die amerikanische Plattform kickstarter.com. Aber auch andere Namen kursieren in der lokalen Szene, wie das deutsche Portal Pling, auf dem beispielsweise der Leipziger Spieleentwickler Firehazard die selbst avisierte Spendenmarke von 10.000 Euro deutlich übertraf. (http://www.pling.de/projekte/show/22/Saber Rider and the Star Sheriffs - The Game)
Das bei kickstarter erfolgreich finanzierte Projekt Tiktok (http://www.kickstarter.com/projects/1104350651/tiktok-lunatik-multi-touch-watch-kits) zeigt das Potential von virtuellen Finanzgemeinschaften jenseits von „Peanuts“ auf. Eine kleine US-Firma http://lunatik.com/ bat im Netz um Unterstützung für ein neues Produkt - und zwar für eine Halterung, um den iPod Nano als Multitouch-Armbanduhr zu konstruieren.
Der Erfolg der Aktion ließ nicht lange auf sich warten: 13.512 Geldgeber spendeten 941.718 Dollar. Die Entwickler hatten ursprünglich nur 15.000 Dollar als Spendenziel veranschlagt. Ist der Stein aber einmal ins Rollen gekommen und finden viele aus der Internetgemeinde die Idee sexy, dann ist der Umweg über eine derartige Plattform im Netz für Unternehmen nicht nur eine gute Methode zum Geldeintreiben. Den Werbe- und Marketingeffekt gibt es gleich noch kostenlos hinzu.
Oftmals stecken hinter neuen Ideen alles andere als blutige Amateure. Allerdings bleibt Crowdfunding insbesondere bei größeren das bedeutet sechs- bis siebenstelligen Beträgen - direkt in der Unternehmensfinanzierung angesiedelt - zunächst ein Randphänomen. Unter anderem wegen juristischem Neuland und diversen gesetzlichen Regularien wie Banklizenzen und Konzessionen.
Anonyme Geldgeber gewinnen an Einfluss
Dass Crowdfunding, Social Sponsoring und Social Lending aber neben dem privaten Konsumenten auch die Welt der Unternehmensfinanzierung nachhaltig tangieren, also all diese Elemente nicht im Randbereich für Mikrospenden und Einzelprojekte verhaftet bleiben, diese Erkenntnis beginnt sich allmählich durchzusetzen. Auch in rechtlicher Hinsicht beginnt sich das Terrain bereits zu differenzieren und zu professionalisieren.
So gibt es Tendenzen innerhalb der amerikanischen Regulierungsbehörde United States Securities and Exchange Commission (SEC), sich eingehend mit diesem neuen Phänomen auseinander zu setzen und den dafür passenden rechtlichen Rahmen bereit zu stellen. Ein gewisser Handlungsbedarf scheint evident zu sein, zumal zahlreiche neue und auf junge Unternehmen spezialisierten Plattformen wie Rippple auf den Markt drängen, deren Seriösität im Umfeld dieser neuen Klasse von Business Angels erst eingehend geprüft werden sollte.
Vor allem gilt es, Trittbrettfahrer des Hypes um die sozialen Netzwerke rechtzeitig zu erkennen, die nur Vorabgebühren in Rechnung stellen, statt sich etwa erst am Ende einer erfolgreich verlaufenen Auktionsfrist honorieren zu lassen. Überblicksweise lässt sich feststellen, dass eine Finanzierung zur Aufstockung von unternehmerischem Eigenkapital via Crowdfunding derzeit nicht in allen Ländern möglich ist.
Der lokale Rahmen hängt sehr stark von den jeweiligen Regularien ab. In Europa haben zumindest mit Blick auf kleinere Unternehmensfinanzierungen einige Plattformen die ersten regulatorischen Hürden bereits überwunden. Gerade im Vergleich mit den USA deutlich risikoscheueren Europa bzw. Deutschland sehen Experten neue Chancen. Insbesondere Startups ohne klare Roadmap bei der Fahndung nach Gründungskapital, könnten verstärkt auf diese unkonventionelle Methode zurückgreifen.
Allerdings bleibt der Trend insbesondere bei sechs- oder gar siebenstelligen Beträgen - direkt in der Unternehmensfinanzierung angesiedelt - zunächst ein Randphänomen, unter anderem wegen diverser gesetzlicher Regularien wie Banklizenzen und Konzessionen. Viele Einstiegshürden stellen also noch juristisches, gleichwohl nicht völlig unlösbares Neuland dar.
Und dann gäbe es auch noch den ganz banalen kulturellen Wandel im Unternehmen zu bewältigen. Das Management könnte eine derartige Initiative abblocken, etwa aufgrund von rechtlichen Hürden oder einem drohenden Machtverlust. Aber auch hier gibt es gegenläufige Argumente: Geschickt adressiert, könnte mit Hilfe einer derartigen Aktion das unternehmerische Beziehungsnetzwerk sogar sprunghaft anwachsen. Dies könnte die eigene Marktposition und Reichweite eines Unternehmens stärken.
Neue Formen der Kundenbeziehungspflege (CRM) könnten sich so ihren Raum verschaffen. Außerdem könnten Finanzmanager im Unternehmen einen zusätzlichen Verhandlungsspielraum gegenüber konventionellen Finanzierungshäusern generieren. Allerdings wird in den neuen Kanälen häufig eine deutlich offenere, direktere und schnellere Kommunikation erwartet, was eine allzu blauäugige Herangehensweise verhindert. Denn auch ein Zielkonflikt mit klassischen Investoren und anderen relevanten Einflussgruppen ist denkbar.
Neben dem Hype um das Thema Crowdfunding gibt es ein weiteres Spielfeld, bei dem (kleinere) Unternehmen oder Selbstständige im Netz um Unterstützung für ihr Anliegen werben können. Denn es zeichnet sich bereits ab, dass Online-Kreditbörsen, bei denen private Nutzer sich gegenseitig Kredite gewähren bzw. Darlehen vergeben, sich auch auf das Segment von Geschäftskunden ausweiten.
Als weltweit führende Vertreter dieser erst seit wenigen Jahren existenten alternativen Investitionsklasse sind der britische Vertreter Zopa, das amerikanische Pendant Lending Club und der deutsche Betreiber smava zu nennen. Auch hier lässt sich zusammen fassend bilanzieren, dass sich diese neue Anlageklasse in einer - allerdings noch überschaubaren - Wachstumsnische etabliert hat. Der Wettbewerb um die besten Konditionen und den besten Kundenservice hält an.
Fazit: Der Markt für kleinteilige Wachstumsfinanzierungen mit niedriger Einstiegsschwelle befindet sich nicht nur im Kernrevier von Social Sponsoring und Fundraising in einer neuen Entwicklungsphase. Insbesondere Existenzgründer, Künstler, Startups und Kleinunternehmen adressieren mit Hilfe von Web 2.0-basierten Plattformen via Crowdfunding und Social Lending neue Chancen in der Unternehmensfinanzierung.
Über den Autor: Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Im Mai 2010 erschien von Lothar Lochmaier das Telepolis-Buch: Die Bank sind wir – Chancen und Zukunftsperspektiven von Social Banking. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.
Nachtrag: Herr Lochmaier hat einen ergänzenden Kommentar zu diesem Gastbeitrag in seinem Blog veröffentlicht: Crowdfunding - Die Peanuts-Revolution hat begonnen

